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Es ist 5.59 Uhr in der Frühe. Bin gerade wach geworden und noch ziemlich durcheinander. Hatte einen Albtraum. Darin saßen David Hasselhoff und ich im Kreise der Familie „zu Mittach“ und verspeisten irgendwelche Heuschrecken oder so. Jedenfalls fängt Dave auf einmal an, mir Vorwürfe zu machen.

Ich sei ein Taugenichts (oder wie lautetet die Übersetzung von “Motherfucker“?) und würde es nie zu was bringen. Sowas muss ich mir nicht anhören! Erst Recht nicht von David Hasselhoff. Also bin ich ausgetickt und hab ein bisschen rumgeplärrt. Wie war das noch mal mit dem Motherfucker? Dann ist das Ganze eskaliert und die Chinesen sind entrüstet aufgestanden und gegangen. Chinesen?! Ich weiss ja auch nicht. Träume sind manchmal seltsam.

David Hasselhoff blieb jedenfalls sitzen und fing an zu weinen. Deswegen beruhigte ich mich wieder und schenkte ihm noch ein Bierchen zum Nachtisch ein. Bin ja gar nicht so gemein wie alle immer sagen. Dann gab mir David den ultimativen Rat schlechthin: „Ohne ein gutes Marketing bist du nichts.“ Und da fiel es mir wie Schuppen von den Haaren (warum sollten Schuppen von den Augen fallen?): Ich will PR machen. David Hasselhoff sei Dank, meine Zukunft ist gerettet.

Zwischenspiel. Drei von ihnen konnte ich töten. Aber dieser andere, der Vierte, hat sich aus dem Staub gemacht. Wovon ich überhaupt rede?! Keine Sorge: Ich meine damit nicht den Nachbarn und seine versoffenen Kumpels. Oder eine Exfreundin und ihre Sippschaft. Nein! Ich spreche von vier Spinnenzeckenwanzen. Zumindest nenne ich sie so. Weil ihre genaue Art nicht klar ersichtlich ist. Sechs Beine. Etwa ein Zentimeter Durchmesser. Insgesamt – nicht pro Bein! Zum Glück! Dunkelbrauner knopfartiger Körper. Zwei kleine Fühler. Und hinterlistige, ganz hinterlistige Äuglein. Die vier haben mich gestern Abend auf dem Weg vom Bad zum Bett angefallen. Und – wie gesagt – drei davon sind jetzt Geschichte. Aber dieser andere, der Vierte, ist davongekommen.

Er ist irgendwie unter meinem Hausschuh raus- und wie ein geölter Blitz (woher kommt eigentlich diese seltsame Redewendung?) reingekrochen. Was mich dazu veranlasste, einen halben Herzkasper zu bekommen und den Schlappen quer durch den Raum zu treten. Es folgten zahlreiche Versuche, die kleine Bazille aus dem Schuh zu locken. Ich hab’s mit guten Worten versucht. Und mit bösen. Bis dann die Idee mit dem Fön kam. Ich dachte: „Heiz ihn auf! Dann kommt er früher oder später von alleine raus.“ Also mutig zur Tat geschritten und zwanzig Minuten lang den Schuh gefönt. Ergebnis: Keines. Da wurde es mir zuviel und ich ging Schlafen.

Scheisse, schaut euch das Vieh an!

Nun wäre ja alles soweit in Butter gewesen. Wenn ich nicht von dieser Bestie geträumt hätte. Vor allem, weil’s hinter der Wand so seltsam getippelt und getappelt hat. Gefolgt von einem leisen Rascheln. Müssen Mäuse gewesen sein. Sagt die Vernunft. Schließlich ist es eine Dachwohnung. Altbau. Bestimmt Mäuse. Sagt die Vernunft. Wovon sie nichts gesagt hat, war die Vorstellung einer riesigen, wirklich riesigen Spinnenzeckenwanze. Also quasi der Mutter aller Wanzen. Verdammt: Ich hatte Albträume! Sah das Vieh – es war ungefähr so groß wie mein Kühlschrank Frank (davon irgendwann mal) – geifernd hinter der Wand sitzen und mich listig durch einen Spalt beobachten! Mit knurrendem Magen. Sabbernd vor Hunger und Rachegelüsten. Weil ich einen Bruchteil seiner Brut getötet habe. In dieser Nacht schlief ich richtig übel! Und eben, nach dem Aufstehen: Von dem kleinen Miststück weiter keine Spur. Bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, was es im Augenblick alles treiben könnte. Wahrscheinlich hat es Rache geschworen und wartet jetzt nur noch auf die richtige Gelegenheit. Wartet, bis mir heute abend wieder die Augen zufallen. Dann hat sich diese Wanze bestimmt schon Verstärkung zusammengetrommelt. Sie werden mich mitten in der Nacht anfallen, durch meine Nase in den Körper krabbeln und ihre verdammten Eier in meine Milz legen oder so. Oh: Es tut mir leid. Kann man so etwas überhaupt sagen? Können Spinnenzeckenwanzen Gefühle fühlen und Gnade vor Recht ergehen lassen?! Vielleicht werde ich eines Tages ‘ne Antwort darauf  bekommen. Wenn der Kleine irgendwann erwachsen ist und ich zufällig wach werde… Weil er sich über mich beugt und sabbernd zischt: „Du hast meine Geschwister umgebracht, die Große Wanze hab sie seelig! Aber ich bin davongekommen! Und die Mutter befahl Rache!“ Wird er mich auf der Stelle fressen oder erst zu ihr schleppen?! Und: Wird mich die Mutter dann fressen oder wird es jemand anderes tun?! Verdammt!

Nun – lange Rede kurzer Sinn: Ich habe Ungeziefer in meiner Wohnung und weiß nicht so recht, wieso. Putze jede Woche. Halte alles sauber. Wo kommt dieses Viehzeug bloß her? Sie tauchen irgendwie in Perioden auf: Alle zwei Wochen ungefähr zwei bis fünf. Was mir Sorgen macht: Es werden mit jedem Mal mehr. Da muss doch irgendwo ein Nest sein! Wenn es ja noch Spinnen wären!  Da gab es mal eine, mit der ich mich sogar angefreundet hatte. Rüüdie. Der war cool. Wir respektierten uns. Rüüdie fing Mücken und ich nicht. Ergänzte sich irgendwie. Diese Spinne hatte auch einen ehrlichen Charakter. Nicht so wie diese kleinen Viecher von heute Nacht. Einer saß sogar frisch und frech am Pfosten meines Bettes! Ich wollte ja ein klärendes Gespräch nach dem Motto: „Eurer Reich ist hinter der Wand oder bei der Nachbarin drüben. Meines hier. Cool? Cool!“ Aber nein! Kein Entgegenkommen. Stattdessen wurde ich angeknurrt! Okay: Es kann sein, dass ich mir das auch eingebildet habe. Schließlich war es ja schon spät. Aber trotzdem: Ich habe Angst. 

„Frauen regier’n die Welt“ besang der gute Roger Cicero beim diesjährigen Eurovision Song Contest. Nun: Offensichtlich nicht. Weder in Serbien, noch in Armenien, der Ukraine, in Bulgarien und weiteren Teilnehmerländern. Auch nicht in der Türkei, welche ja jetzt angeblich voll und ganz bereit für Europa ist. So bereit, dass dort nun aus Prinzip keine Döner mehr gegessen werden und Frauen jetzt in allen (!) Bereichen des Öffentlichen Lebens zugelassen sind. Also auch auf dem Markt und zuhause. „Frauen regier’n die Welt“ – da wird sich nicht nur manche türkische Frau denken: „Schön wär’s.“

Stimmt genau. Schön wär’s! Dann hätten wir Alphamännchen nämlich endlich mal Ruhe und bräuchten nicht mehr mit ‘ner Riesenknarre und ‘nem noch größeren Ständer in der Hose Stress zu schieben. Wobei ersteres ja austauschbar ist: Knarre in Sandland und Portemonnaie bei uns. Denn im neorealistischen Leben heisst es doch und ausschließlich „Geld regiert die Welt“. Schöne Scheisse. Versteht mich nicht falsch: Ich finde Geld klasse und hätte gerne mehr davon! Das denken natürlich viele und die schlimmsten davon werden meistens irgendwo Chef. Dann zählt unter Umständen der neue 7er in der neuen Garage mehr als der alte Angestellte im alten Arbeitsverhältnis.

Aber wem sag ich das?! Negative Beispiele gibt’s sicherlich genug. Ich will trotzdem Chef werden, irgendwann. Aber zur Abwechslung mal ein guter. Vielleicht einer, der abseits der Arbeit ein bisschen von (s)einer Frau regiert wird. Und der natürlich viele Frauen in seinem multinationalen Großkonzern beschäftigt, auch in Führungspositionen und auch in der Türkei. Oder so. Schön wär’s…

„Ich jogge nur geradeaus“, höre ich. Geradeaus joggen? Was soll denn dieser Schwachsinn? Ich spitze die Ohren und lausche weiter dem Gespräch zwischen meiner Freundin und einer ihrer Bekanntinnen. Sagt man eigentlich so? Bekanntinnen?! Egal – ihr wisst, wen bzw. was ich meine. “Ja! Ich mag keine Berge und Täler. Da jogge ich nicht. Das ist mir zu anstrengend. Ich jogge nur geradeaus!“ sagt das Mädel gerade. 

Mir fehlen die Worte. Jetzt immer noch! Obwohl das Ganze gestern passiert ist. Manchmal frage ich mich, ob die Chinesen mit ihrer Geburtenkontrolle wirklich so daneben liegen… Ich kann’s nun auch nachvollziehen, warum die lieber Söhne als Töchter bekommen. Söhne joggen wenigstens nicht nur geradeaus. Mal im Ernst: Das gibt’s doch gar nicht! Besagtes Gespräch hat sich übrigens in einer Bildungseinrichtung abgespielt. Was mich anschließend dazu veranlasst hat, meine Freundin zu fragen: „Putzt die hier?“ Nein! Das Mädel sei Studentin, und überhaupt, eine ganz Liebe. 

Ich (ja, ich!) hätte sie wahrscheinlich verunsichert, weil sie ja im Moment Single wäre (und ich so etwas animalisch männliches ausstrahlen würde). So die Theorie meiner Freundin. Das in Klammern habe ich mir übrigens gerade zusammen gereimt. Nun ja. Jetzt bin ich also auch noch Schuld daran, dass strunzdumme BWLerinnen so sind, wie sie eben sind. Ich denke: Man müsste Pisa auch mal an Unis durchführen. Dann würden alle ganz schön mit den Ohren schlackern.

Da ich ja jetzt kein Student mehr bin, wäre ich voll dafür! Übrigens, noch so ein Brüller: Vor ein paar Jahren wurde mal ‘ne angehende Miss Hintertupfing bei der Wahl in ner echt schlechten Diskothek hier um die Ecke gefragt, was sie denn in Zukunft gerne machen würde..?! Ihre Antwort: „Mit Delfinen schwimmen.“ DAS nenn ich doch jetzt mal eine echte Perspektive!

Haben die Mädels nicht einfach klasse?

„Langsam nährt sich das Eichhörnchen“ (Sciurus). Lieblingsspruch meiner Großmutter (Oma). Auf dem Weg in eine arbeitstechnisch ereignisreiche Zukunft bin ich im Grunde keinen Schritt weiter gekommen. Okay, vielleicht doch ein kleines bisschen. Schließlich kann ich mittlerweile ein paar Sachen ausschließen: Pornoproduzent und Saabfahrer gehen gar nicht. Was könnte sonst noch in Frage kommen: Eichhörnchen?! Ich glaube, dazu muss man geboren sein. Ist ungefähr so wie beim Adel. Aber vom Prinzip her finde ich Eichhörnchen echt toll: Flitzen den lieben langen Tag im Grünen rum, mampfen Nüsse und treiben’s. Ha! Irrtum! Sie fressen nämlich nicht nur Nüsse, sondern auch Jungvögel. Und da hört für mich der Spaß auf. Erschwerend kommt noch hinzu: Eichhörnchen werden auch mal gefressen. Also: Ein absolutes No-Go.

Ebenfalls eher unwahrscheinlich in Sachen Job: Fußballer (bin dafür einfach zu schlau), Tierwirt (mag nicht so gerne Fleisch) und McDonaldist (mal im Ernst: Wie kann man bei dem ganzen Gepiepe der fünftausend Friteusen da ein ordentliches Mittagsschläfchen halten?). Ein absolut unterschätzter Beruf ist übrigens der des Verpackungstechnikers. Klingt ja im Grunde nach hochstapeln und Langeweile in Dosen. Von wegen: Da habe ich nämlich letztens einen im Kampf mit Plastikfolie gesehen. Zwei Dinge: Plastikfolie ist gar nicht so blöd wie sie aussieht! Und: Verpackungstechniker sind Helden. Das Warum und Wieso sparen wir uns an dieser Stelle. Glaubt mir einfach. Also ein weiterer Beruf, den ich für mich ausschließen kann. Jetzt haben wir schon fünf oder so. Wenn das in dem Maße weitergeht, komme ich vorher in Rente.

Ein Verpackungstechniker im Kampf mit der Verpackungstechnik.

Gestern hat mir eine Freundin erklärt, ihr Boss sei so scheisse, weil er Neorealist wäre. Ich meine: Er ist so scheisse, weil er ein Arschloch ist. Vor allem, weil ich gar nicht so genau weiss, was ein Neorealist den lieben langen Tag treibt. Bei einem Arschloch kann ichs mir hingegen vorstellen. Aber nun bin ich neugierig: Was hat das mit dem Neorealismus eigentlich auf sich?

Ist man neorealistisch, wenn man sagt: Die lieben Demonstranten von Heiligendamm gehn mir sonstwo vorbei, sind mir so egal, wie wenn in Rostock ein Skin umfällt?! Keine Ahnung. Weil: Ich würde ja auch demonstrieren gehen, allerdings nur für Themen, die sich lohnen. Zum Beispiel: Probiotische Kulturen raus aus dem Joghurt und rein ins wahre Leben! Oder: Zurück mit der Mauer! Natürlich die zu unserm Nachbarn, Hausnummer 23, und nicht die in Berlin. Vielleicht könnte man sich auch für die Entwaffnung von Jugendlichen einsetzen. Wäre das dann neorealistisch?! Ich weiss nicht. Aber zurück zum Anfang, respektive dem Arschloch. Sind eigentliche alle Bosse so? Gibt’s da irgendwo Kurse? Natürlich übertreibe ich jetzt. Aber nur ein bisschen. Eines weiss ich jedoch: Wenn ich mal irgendwann den Chef gebe, dann kann und darf ich alles sein – außer neorealistisch. Oder?

 Kinder an die Macht!

Die Möglichkeiten einer mehr oder weniger sinnvollen Gestaltung der eigenen Zukunft  sind ja riesig. Ein Bekannter von mir will zum Beispiel nach Abschluss seiner Ausbildung Pornofilme machen. Er möchte ganz dick in die Branche rein. Und wahrscheinlich nicht nur da. Er will Produzieren und auch die Vermarktung seiner qualitativ absolut herausragenden und überhaupt einzigartigen Erotikblockbuster übernehmen. Verkauf dann ausschließlich übers Internet, Stichwort Web 2.0 und so. Also quasi Computer anwerfen und Geld verdienen. Nun – mit Geld kennt sich der Junge aus. Schließlich ist er ja angehender Finanzkaufmann und Angestellter einer seriösen Investmentbank, Inkasso Inc. oder so. Wie auch immer: Er sagt, das Pornobizz wär genau sein Ding. Muss ja jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, das ist eine der weniger sinnvollen Aktionen. Getreu dem Motto: Was man nicht tun sollte, um irgendwann mal kirchlich heiraten zu können.

Bestimmt ein Höhepunkt im Web 2.0!

Da lobe ich mir doch ganz normale und vor allem überaus angesehene Berufe: Lehrer, Arzt oder Hartz IV. Jedoch: als Lehrer wirst du mittlerweile von 5-jährigen vermöbelt, die Ärzte kommen nicht mehr aus den Krankenhäusern raus und bei Hartz IV reicht die Kohle kaum für zwei Urlaube im Jahr. Deswegen bin ich ganz froh, dass es mit mir soweit gekommen ist wie es ist und endlich „Diplom Designer“ neben meiner Unterschrift stehen kann. Das gibt der hingekrakelten Buchstabensammlung meines Namens doch gleich eine andere Bedeutung. An der zentralen Frage (zur Erinnerung: „Was nun?“) ändert das allerdings gar nichts. Ich muss mir wirklich mal ernsthaft Gedanken machen, was ich will und was nicht.

Vorbei die schöne Zeit von Wein, Weib und Gesang, oder ins Studentische übersetzt: Von Bionade, willigen Demonstrantinnen und verkifftem Gelalle. Vorbei die Vormittage im kuscheligen Bett, die viel zu kurzen Nachmittage bei einer oder mehreren heißen Zitronen im Künstlercafé und die intensiven Abende im Aktmalkurs. Vorbei die herzliche Kameradschaft der hochgeschätzten Kommilitonen beim Wettstreit um die unrealistischste Marketingidee des Semesters und ja, leider, auch vorbei die Zeit der drittklassigen chinesischen Gerichte in der viertklassigen Mensa (lief da nicht mal ein paar Tage lang ein Hund mit drei Beinen im Hof rum?) .

Alles Geschichte. Alles unwiederbringlich verloren. Ich war vier Wochen lang besoffen vor Freude. Und nach einer weiteren Woche mit Vormittagen im kuscheligen Bett und diesmal viel zu langen Nachmittagen im Künstlercafé – es ist jetzt einfach nicht mehr dasselbe – stellte sich die erschreckende Frage: Was nun?

Akt. Kurs: Figürliches Zeichnen. 13.01.2004.