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„Erzähl meine Geschichte!“ höre ich. Immer wieder: „Erzähl meine Geschichte!“ Mit jedem Mal wird die Stimme brüchiger, mit jedem Mal die Umarmung fester. Ich spüre Bartstoppeln an meiner rechten Wange, nicht meine eigenen, und sie kratzen. Ich spüre ein Zittern und die Konturen einer Flasche, die sich unter der Jacke von Ingo an meine Brust drückt. Eine Flasche mit Wodka, 40 % vol. und schon halb leer. Es ist die zweite an diesem Tag, aber das gehört schon zu Ingos Geschichte. „Erzähl sie allen!“ meint er. Mittlerweile schluchzt der schwere Mann in meiner Umarmung, hält mich aber immer noch wie festgeschraubt. Es ist eine Umarmung, die ich nicht lösen kann, obwohl sie mich erschüttert. Weil sie zu einer Geschichte gehört, deren Ende ich gerade vor mir sehe. Ingo ist fertig. Er war es eigentlich schon immer. Und jetzt möchte ich von ihm erzählen, seine Geschichte, die es viel zu oft gibt auf unseren Straßen, die so oder ähnlich immer wieder erzählt werden könnte.
Es ist die Geschichte eines Mannes namens Ingo und ich glaube, es ist auch immer noch die eines kleinen Jungen. Ingo ist nie so richtig erwachsen geworden. Er konnte es nicht, weil ihn der Junge von damals nicht in Ruhe lässt, weil er ihn immer noch Tag für Tag begleitet und an Früher erinnert, ihm Dinge ins Ohr schreit, die Ingo längst nicht mehr hören will, nicht mehr hören kann. Dinge von seinem Vater, „ein Bär von einem Mann, so breit, dass ich zweimal reinpassen würde“ und von den Schlägen, die seine Mutter, die beiden Schwestern und er kassierten: „Nicht mit der flachen Hand, nein, mit der Faust! Immer rein.“ Ingos Vater war Grubenarbeiter, Alkoholiker. Ingo erzählt, die Worte brechen aus ihm heraus: „Er kam heim, griff nach der Flasche und schlug zu.“ Abend für Abend. Kein Entkommen. Tagsüber will Ingo flüchten, sein Zuhause vergessen.
In der Schule wird er zum Kasper, der eigentlich nach Hilfe schreit. Einer, den anfangs alle lustig finden, weil er so laut und frech ist. Zu dem man aber nie eingeladen wird, der keine Ausflüge mitmachen kann und der Woche um Woche ein bisschen verschlossener, ein bisschen seltsamer wird. Schließlich verliert er auch die letzten Freunde und dann das bisschen Respekt vor sich selbst. Mit 12 fängt Ingo an, ab und zu mal einen Zug aus der Flasche zu nehmen. „Das war krass: Ich kam mir dann endlich groß und stark vor, fast so wie mein Vater. Wenn der was getrunken hat, haben alle auf ihn gehört, haben alle das getan, was er wollte“, erinnert sich der 43-jährige. Ein Jahr lang trinkt sich Ingo Mut an. Dann stellt er sich dem Vater eines Abends in den Weg. An dieser Stelle seiner Geschichte sieht mich Ingo direkt an, aber trotzdem ist er Jahre weit weg. In einer anderen Zeit, etwa 1978, an einem anderen Ort, nämlich in der kleinen Wohnung seiner Jugend. Wieder steht er vor dem Vater, dem Riesen, wieder sagt er die Worte, die er nicht vergessen kann, die ihn immer noch verfolgen, sie knallen aus ihm raus: „Wenn du noch einmal, noch einmal, einmal meine Mutter schlägst, dann bringe ich dich um.“ Seine Augen füllen sich mit Tränen, er blinzelt und kehrt ins Heute zurück, fragt mich: „Willst du wissen, was dann passiert ist?“ Widerwillig nicke ich, obwohl ich es mir denken kann.
Und Ingo sagt tatsächlich: „Dann schlug er noch mal zu, ein einziges Mal, das letzte Mal.“ Er greift sich in den Mund, löst seine Zähne, oben und unten, spuckt das Gebiss in die Handfläche und öffnet eine Höhle zum Rachen, mit drei, vier Stummeln. Plötzlich ist sein Gesicht eingefallen, um Jahre gealtert. Es passt jetzt nicht mehr auf den riesigen, kräftigen Körper, den eines Maurers „und Betonierers, vergiss das nicht, das ist mir wichtig!“ Genauso wichtig ist ihm, zu erklären, dass er „morgen zwischen zwei und halb drei“ seinen Führerschein wieder bekommt, „den großen, den für Lastwagen.“ Das fällt mir schwer zu glauben, schließlich hat Ingo keinen festen Wohnsitz, geht schon seit vier Jahren „auf Platte.“ Und er kann kaum mehr was sehen: „Das ist alles wegen dem verdammten Alkohol, glaubs mir, Digger, Alkohol ist schlimmer als Drogen. Alkohol ist das Schlimmste.“ Ingo stürmt jetzt durch seine Geschichte, hakt Kapitel um Kapitel ab, bei ihm vergehen die 12 Jahre Knast, Schwere Körperverletzung, wie im Fluge, auch die Zeit danach als Fahrer fliegt vorbei. Ingo erzählt und erzählt, die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. Selten hört jemand zu, „du hast keine Freunde mehr auf der Straße, keine Freunde mehr!“ meint Ingo. Wieder stehen ihm die Tränen in den Augen: „Ich hatte noch nie einen Freund, einen echten. Willst du mein Freund sein?“
Ich bin sprachlos und Ingo rückt seine Flasche in der dicken Jacke zurecht. Die Kleider hat er neu bekommen, von der Mission: „Ich will nicht rumlaufen wie ein Penner, will ordentlich aussehen, will wieder jemand sein, will raus aus der Stadt. Die macht mich kaputt.“ Das weiß er schon lange und er hat auch schon versucht, auszubrechen. Von 1997 bis 2003 „war ich trocken, war ich clean, da war alles fast in Ordnung. Da hatte ich eine Freundin, aber, Junge, ich hab’s versaut. Ich versaue immer alles.“ Sagt das und wirft einen Zettel auf den nassen Asphalt. Den hat er in der Mission bekommen, gerade eben. Und darauf steht die Adresse einer Klinik, in der Ingo Entzug machen könnte. Aber er will nicht, schafft es nicht mehr. Wieder schimmern seine Augen feucht: „Mich holt alles wieder ein. Jeden Tag. Jede Nacht.“ Jetzt ist er am Ende, stolpert auf mich zu, umarmt mich, schluchzt und meint „Erzähl meine Geschichte!“ Immer wieder: „Erzähl meine Geschichte!“ Ich muss es ihm versprechen. Dann löst sich Ingo, dreht sich um und stolpert auf die Straße. Er „kann ich nicht in der Mission bleiben,“ weil er dann „ganz unten ist, ganz unten.“ Und das verkraftet Ingo nicht. Gleich darauf fällt ihm die Flasche Wodka auf den Asphalt. Sie zerbricht nicht…
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