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Heute nacht wurde ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Nicht, weil irgendwelche Junkies mal wieder Sturm geklingelt haben, nicht wegen des kleinen Schreihalses über uns (ich meine jetzt das Baby unserer Nachbarn, und nicht den lustigen, schmächtigen Typen mit der dicken Brille, dem ich manchmal im Fahrstuhl begegne), und erst Recht nicht, weil mal wieder die Dusche von selbst losging. Nein!

Ich wurde aus dem Schlaf gerissen, weil sich Julia nicht ohne Gegenwehr aus dem Bett zerren ließ, das drohte, in die Hölle hinab zu fahren. Also schlug sie mich wach, weil ich ja angeblich „auf sonst nichts reagiert“ habe. Das muss man(n) sich mal vorstellen! Ich bin ein Held! Wer sonst würde im Angesicht der ewigen Verdammnis wie eine gestochene Sau aus dem Bett springen und als erstes seine Freundin retten wollen?! Da kann man die Typen mit dermaßen großen, haarigen Eiern sicherlich an fünf Fingern abzählen: Vielleicht ein oder zwei Feuerwehrmänner von 9/11 oder so. Und das beste: Ich hab’ dabei noch geschlafen und geträumt!

Okay, genug der Lobhudelei. Dadurch möchte ich im Grunde nur zwei Fragen verdrängen, die mir im wahrsten Sinne des Wortes auf der Seele brennen. Erstens: Wie konnte das passieren? Zweitens: Warum war Julia sauer? Okay: Das ist sie halt manchmal. Heute morgen ja auch, als ich beim Frühstücken noch schnell übers Internet ‘nen Wasserfilter bestellen musste (aber es war kein normaler Filter, sondern einer, der 7,4 Liter fasst und das Wasser auch noch kühlt! Außerdem war’s ein super Preis!). Oder gestern, als ich den Abwasch noch nicht erledigt hatte, als sie von der Arbeit kam (kleiner Scherz, haha! ha). Im Grunde muss ich mir deswegen also keine wirklichen Gedanken machen. Die Frage aller Fragen bleibt allerdings im Raum stehen und linst mir jetzt gerade frech über die Schulter: Warum, zur Hölle?!

Hab ich da vielleicht was verpasst und im Suff (Malzbier kann tatsächlich süchtig machen!) meine Seele verkauft? So ähnlich wie Faust? Wenn ja: Wo sind die ganzen Versprechungen geblieben? Ich bin ja noch längst nicht reich! Das Gegenteil ist der Fall, jetzt, wo ich sogar kein Auto mehr hab (Insider wissen, wie weh mir das tut!). Vielleicht war das Ganze auch nur als Strafe gedacht, für unreine Gedanken und/oder Handlungen. Wie auch immer: Ich muss jetzt aufpassen. Mephisto kann überall sein. Ich darf niemandem mehr trauen. Und vor allem nicht mehr einschlafen… Aber das wird mir sicher nicht besonders schwer fallen, Stichwort Nachbarn und Baby. Meine Güte: Der Kleine schreit ja immer! Dass Kinder nicht heiser werden können?! Aber das ist jetzt ein anderes Thema…

Hey: Gebt dem Baby, was es verdient!

Ich schäme mich ein bisschen. Weil ich gestern beim Casting war und meine beste Fratze (ist im Grunde auch die einzige, die ich richtig gut kann, böse Zungen behaupten: Weil ich die meiste Zeit so rumlaufe) erst beim zweiten Anlauf hinbekommen habe. Dabei wollte der Fotograf gar keine Fratze knipsen. Aber wofür bin ich denn sonst da hin? Also gab’s folgenden Dialog, meine Gedanken stehen in Klammern…

Ich: „Was soll ich denn machen?“

Er: „Normal kucken.“

(Also cool wie immer, ha, ha, Yeah, Baby.) Knips. Knips.

Er: „Ich sagte: Normal kucken. So, als ob du auf den Bus wartest.“

(Oh! Ein Bus. Ich mag Busse. Brummmmm…)

Er: „Du musst dich nicht freuen. Schließlich WARTEST du auf den Bus.“

(Verdammt.) Knips. Knips.

Ich: „Ich kann auch eine Fratze schneiden. Soll ich mal?“

Er: „Musst du nicht. Aber von mir aus.“

Und dann ging’s mächtig daneben. Jetzt kann ich auch die ganzen Bekloppten aus den Talentshows in der Glotze verstehen, die anfangen zu flennen, wenn sie ihre Performance nicht hinbekommen haben und fertig gemacht werden, wenn ihr ganzes Leben dann in ein paar Sekunden des Versagens zerbricht… Das ist ganz, ganz schlimm. Ehrlich. Vor allem, wenn’s um mehr als eine Grimasse geht. Ich strengte mich wie verrückt an, verzerrte vorneweg 11 von meinen 26 Muskeln im Gesicht und merkte: Das reicht noch lange nicht. Wo sind die letzten 15? Heute morgen vorm Spiegel hat’s doch auch geklappt….

Er: „So kann ich auch kucken.“

(Verdammt!)

Ich: „Ja. Moment. Ich kann das besser.“

Er: „Sicher.“

(MUSKELNNNNNNNNNNNNNNNNNNNNNN…12…13…14…15…16…17…18…19…)

Er: „Uff.“

(…20…21…22…23…24…25…NNNNNNNNNNNNNNNNNNNNNN!!!) Knips. Knips.

Ich: „Kann ich jetzt wieder gehn?“

Er: „Ja.“

Ich: „Nette Kamera, die du da hast. Ich benutze die 40D von Canon.“

Er: „Die war mir zu groß.“

Ich: „Na ja.“

Er: „Gibst du mir ne Karte von dir?“

Ich bin jetzt nicht so vermessen und sage: Hollywood ruft. Nein! Ich sage auch nicht: Babelsberg hustet. Nein! Aber vielleicht klappt es mit dieser Statistenrolle ja doch… Das Projekt klingt echt interessant: Demnächst wird hier um die Ecke ein Streifen von den Wachowski Brüdern gedreht. Das sind die Macher von Matrix. Und somit wär’s für mich eine echte Ehre, dabei zu sein. Ich würd mich auch, ganz nebenbei, hiermit gerne für die Rolle eines Agent in Matrix 4 bewerben.

Hi, Mädels. Passt auf, gleich zeig’ ich euch mal meine beste Fratze!

Hilfe. Ich glaube, ich bin traumatisiert. Wegen einer einfachen Frage zur Begrüßung, die gestern Nachmittag von Julia kam und folgendermaßen lautete: „Na? Wie geht’s meinem Hausmann denn heute?“ Zuerst war ich verwirrt: „Wen meinst du denn?“ Woraufhin ich einen Klaps auf den Hintern bekam, und dazu die Antwort: „Na dich, mein Schnuffi.“ Bewusstlos sackte ich zu Boden.

Nein, Spaß beiseite. Mir wurden nur die Knie weich, meine Hände fingen an zu zittern und auf meiner Stirn bildete sich kalter Schweiss. Außerdem taten mir auf einmal – ich schwöre – meine Hoden weh. Hausmann? Ich muss das noch mal wiederholen, weil ich es immer noch nicht begreifen kann: Hausmann? Das klingt ja furchtbar! Da wurden zwei vollkommen gegensätzliche, unschuldige Begriffe zu einem ganz, ganz schlimmen Ganzen vereint. So ähnlich wie bei „Kernschmelze“.

„Der Ausdruck Hausmann bezeichnet heute den in einem Haushalt analog der Hausfrau die Hausarbeit verrichtenden männlichen Angehörigen.“ Steht in Wikipedia. Für mich bewegten sich Hausmänner bisher immer auf einer Ebene mit Schimmelpilzen. Ich will ja jetzt nicht den Pascha raushängen lassen, aber wie sagte doch dieser Typ letztens im Radio: „Für den Haushalt ist eine Frau zuständig.“ Genau. Kann man das überhaupt anders sehen? Man(n) nicht. Aber frau, und besonders Juli. Die wohnt übrigens seit genau 6 Tagen mit mir zusammen und hat seit 2 Tagen ihren neuen Job. Sie ist also berufstätig. Und keine Hausfrau. Hab ich mich da etwa aufgeregt? Hab ich da etwa gestichelt? Nach dem Motto: „Wieso aufstehen? Es ist doch erst halb neun! Wie? Du musst zur Arbeit?“ Nein. Hab ich nicht. Bin stillschweigend liegen geblieben. Frühstück hätte es ja eh keines gegeben.

Was ich damit sagen will: Ich fühle mich diskriminiert! Ganz ehrlich. Nur, weil ich zuhause arbeite. Da rutscht man anscheinend ganz, ganz schnell in diese Schimmelpilzbefallene Ecke rüber. Ach, ein Hausmann (verächtliche Betonung!)! NUR ein Hausmann… Wenn ich das schon höre. Wer noch so denkt? Bestimmt der Paketbote von DHL, der seit kurzem bei mir alle nicht zustellbaren Pakete fürs ganze Haus abgibt, weil ich „ja immer da“ bin. Der auch mal eben anfragt, ob ich nicht mit runter gehen und „die paar Besoffenen im Hausflur“ vertreibe könne. „Nein!“ wollte ich da schon sagen: „Ich arbeite“ (und außerdem läuft gleich eine Auktion bei ebay aus). Bin dann trotzdem mit runter, weil ich ja nicht faul rüberkommen wollte.

Meine liebe Julia, lieber DHL Mensch, liebe Leser: Ich bin freiberuflich im kreativen Bereich tätig und kenne keine Arbeitszeiten. Ich arbeite immer. So. Punkt. Ausrufezeichen. Mein verwirrtes Gemüt findet niemals Ruhe. Gestern nicht, als ich die Kleiderkammer eingerichtet und die Regale aufgebaut habe und heute ebenfalls nicht, als ich mal schnell überall durchputzen musste. War ja wirklich furchtbar schmutzig, die Bude. Noch vom Umzug, den man übrigens mit einem kleinen, sinnlosen Reim und in zwei Bildern zusammenfassen kann: So ein schei…,

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Bad Hersfeld, Ostersonntag, 06:10 Uhr.

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Unterwegs, vermutlich auf der A4, Ostersonntag, 8:41 Uhr.

Lange Rede kurzer Sinn: Bin glücklich, dass Julia jetzt bei mir ist und ich nicht mehr alleine in Berlin abhängen muss. Die Sache mit dem Hausmann verdränge ich nun einfach. Mal gespannt, was sonst noch so passieren wird, in unserer gemeinsamen Wohnung und der gemeinsamen Zukunft.